Vor einigen Monaten ist mir die Shopping-Plattform Biodeals.de aufgefallen. Dort werden, ähnlich wie auf Groupon, Dailydeal etc. zeitlich befristet Produkte oder Gutscheine (z.B. für dein Einkauf in einem Onlineshop) mit hohen Rabatten von bis zu 80% angeboten. Bei den Produkten handelt es sich im Gegensatz zu den anderen genannten Plattformen bei Biodeals ausschließlich um Bio-, Fair Trade- oder sonstige nachhaltige Waren. Während bei Groupon vor allem Gutscheine für Restaurantbesuche angeboten werden, findet man bei Biodeals in der Hauptsache Gutscheine für den Einkauf in Bio-Onlineshops. Gekaufte Gutscheine bekommt der Käufer per E-Mail zugeschickt, gekaufte Produkte werden direkt vom Anbieter nach Hause versendet. Wer über die Facebook-Seite von Biodeals den jeweiligen „Deal“ „liked“, bekommt sogar noch 1 Euro Rabatt zusätzlich, da so seine Facebook-Freunde ebenfalls von Biodeals erfahren. Wer seine E-Mail-Adresse hinterlegt, verpasst keinen Deal mehr. Soweit, so gut. Oder doch nicht?

Ich hatte vor einiger Zeit einen ziemlich guten Artikel über Groupon gelesen, aus dem u.a. hervorging, dass diese Art der Schnäppchenangebote nicht unbedingt ein Segen für den Anbieter der Gutscheine sein muss. Was passiert nämlich häufig? Nun, während der Restaurantbesitzer neben einer gewissen Publicity für seinen Laden vor allem darauf baut, dass der Gutscheinkäufer noch ordentlich in Getränke investiert, und mit möglichst vielen Freunden selbstverständlich wieder ohne Gutschein essen kommt, sieht das der gemeine Schnäppchenjäger ganz anders, wie der oben genannte Artikel schön so zusammenfasst: „Einmal dort angekommen, wird der Groupon ausgeschöpft. Mehr Umsatz wird vermieden, wie der Teufel das Weihwasser vermeidet“. Und weiter: „Das passt auch zur Theorie vom Kundentypus, denn der Schnäppchenkunde ist alles, aber nicht loyal. Er möchte keine Kundenbeziehung zum Schnäppchenrestaurant aufbauen. Er ist dem Schnäppchen verbunden, nicht dem Schnäppchenanbieter und er wird morgen beim nächsten Schnäppchenanbieter was anderes speisen“. Ausserdem seien viele Schnäppchenjäger auch finanziell gar nicht in der Lage, später noch einmal zu regulären Preisen zuzuschlagen.

Diesen Artikel im Hinterkopf las ich vor kurzem weiterhin auf dem Utopiawatchblog diesen Artikel, in dem der Autor sich ebenfalls äußerst kritisch über Schnäppchenmentalität in der Bioszene ärgert. Er hinterfragt für mich gut nachvollziehbar den Widerspruch zwischen dem Anspruch eines bewussten Konsums und einer „Geiz ist geil“-Mentalität, wie sie von Rabatt-Plattformen gefördert wird. Bewusster Konsum bedeutet m.E. das Abwägen der tatsächlichen Notwendigkeit des Kaufes eines Produktes, der genaueren Überprüfung von Produkteigenschaften und möglichst sogar noch der Firmen-CSR. Ich fürchte jedoch, in dem Augenblick wo die 80%-Buttons auftauchen, werden viele oder alle Grundsätze eines bewussten Konsums über Bord geworfen – psychologisch völlig nachvollziehbar, dagegen dürfte der Bio-Käufer sich kaum besser erwehren können als ein konventioneller Käufer. Die künstliche Verknappung eines Angebotes, gepaart mit zeitlicher Limitierung und einem hohen Rabatt, erzeuge einen Kosumstress beim potenziellen Käufer, der schneller zu einem Kaufabschluss führe, so der Autor des Artikels. Und so kommt es zu einem „Impulskauf“ statt eines „Strategischen Kaufs“. Weiterhin wichtig fand ich die Aussage, dass der Begriff „Nachhaltigkeit“ im Zusammenhang mit solchen Rabattplattformen mit äußerster Vorsicht zu genießen ist, denn „Nachhaltigkeit, steht für Langlebigkeit, verantwortungsvolle ökologische, soziale Produktion, sie ist zukunftsgerichtet und beinhaltet eben auch einen ökonomischen Aspekt“. Sehr fraglich, ob Groupon, Biodeals und Co. diese Definition von Nachhaltigkeit mit ihrem Business unterstützen. Biodeals wirbt jedenfalls mit dem Claim „Nachhaltig online shoppen“.

Meine Kritik an solchen Plattformen ist zusammengefasst:

– Schnäppchenjagd widerspricht m.E. sowohl bewusstem Konsum als auch der Definition von Nachhaltigkeit
– Schnäppchenjäger bleiben Schnäppchenjäger – egal ob als Bio-Käufer oder konventioneller Käufer
– Schnäppchenjäger werden wohl eher selten zu Stammkunden
– Finanziell lohnt sich der Verkauf für die inserierenden Unternehmen zumindest kurzfristig aufgrund der geringen Marge nicht

Nun will ich natürlich auch fairerweise die möglichen positiven Wirkungen von Plattformen wie Biodeals nicht unterschlagen. Biodeals selber führt vor allem an, dass das Einstellen eines Angebotes für Unternehmen ein äußerst günstiges Marketinginstrument im Vergleich zu konventioneller Werbung bedeutet. Das ist sicherlich nachvollziehbar angesichts der hohen und steigenden Zugriffszahlen auf Biodeals.de. Weiterhin sind die Betreiber davon überzeugt, dass konventionelle Käufer stärker motiviert sind, einmal Bioprodukte auszuprobieren, wenn diese günstiger sind, sprich der vermeintlich hohe Preis für ein nachhaltiges Produkt nicht abschreckend wirkt durch die Rabattierung. Und natürlich besteht auch die Hoffnung, dass diese dann „dabei bleiben“, genauso wie Käufer eines Schnäppchens aufgrund ihrer Begeisterung für ein gekauftes Produkt dieses zukünftig auch zum regulären Preis „nachkaufen“ werden. Die Biodeals-Betreiber wollen nach eigener Aussage durch ihr Angebot (niedrigschwellig) konventionelle Kunden locken, zukünftig verstärkt Bio-Produkte zu kaufen. Sie wollen gleichzeitig gerade kleinen Bio-Unternehmen über eine recht günstige Marketingmöglichkeit die Chance geben, bekannter zu werden, ihren Umsatz zu steigern und helfen, die Nachhaltigkeits-Szene  besser zu entwickeln.

Biodeals verhält sich auch offenbar deutlich fairer im Umgang mit den inserierenden Unternehmen als die Großen der Szene, in dem sie z.B. darauf verzichten, riesige Mengen an Gutscheinen herauszugeben, so dass nicht der Eindruck eines „Verramschens“ entsteht. So können Unternehmen mit geringem Risiko einen Deal ausprobieren. Außerdem sei es möglich Produkte mit nur 30% Rabatt und über einen längeren Zeitraum anzubieten. Positiv für die Deal-Anbieter ist außerdem dass sie gegebenenfalls zu groß eingekaufte Stückzahlen oder Artikel, die zum regulären Preis nicht gut gelaufen sind (sprich hohe Lagerbestände) recht fix abverkaufen, und so einen kurzfristig einen hohen Umsatz generieren können. Meine Nachfragen bei einigen Unternehmen, die bei Biodeals.de inseriert hatten, ergaben einen zwiespältigen Eindruck: Einserseits waren sich alle einig, dass man tatsächlich recht kurzfristig relativ viele Artikel/Gutscheine abverkaufen könne und dass es durchaus einen Werbeeffekt im Sinne einer Bekanntheitsgradssteigerung zu verzeichnen gab. Andererseits war aber keiner davon überzeugt, dass aus den Schnäppchenjägern tatsächlich auch Stammkunden geworden seien. Und es wurde auch die Befürchtung angemeldet, dass beim Käufer durch die hohe Rabattierung der Eindruck entstehen könnte, die Produkte seien gar nicht so viel wert – im Gegenteil könne man ja beim nächsten mal vielleicht sogar mit dem Verkäufer handeln, da die Spanne doch so hoch ist.

Ich weiß nicht, wie das bei euch ist. Bei mir bleibt ein schaler Nachgeschmack. Und den verursachen mir keinesfalls die Betreiber von Biodeals.de an sich, sondern der für mich deutliche Widerspruch zwischen Schnäppchenjagd und nachhaltigem Konsum – egal wie grün die Schnäppchenjagd vermeintlich ist. Ich glaube tatsächlich, dass die Betreiber von Biodeals (auch) ehrenwerte Ziele verfolgen, fairer sind als andere, und einigen Unternehmen helfen, bekannter zu werden, ihren Umsatz kurzfristig zu steigern etc. Und natürlich ist eine solche Plattform für Bio-interessierte Käufer eine Gelegenheit, Produkte oder Unternehmen kennen zu lernen. Aber was ist der Preis dafür? Was bleibt am Ende tatsächlich positiv für die Bio-Szene hängen, wenn Käufer nicht zu Stammkäufern werden? Und wird nicht tatsächlich der Gedanke des nachhaltigen, bewussten Konsums so untergraben? Funktionieren hier nicht am Ende ganz simpel die gleichen Mechanismen wie im konventionellen Marketing, und bedient man sich nicht auch der gleichen Instrumente? Wer profitiert wirklich? Doch eher der „grüne Schnäppchenjäger“ als die Bioszene, so mein Eindruck. Auf diese Fragen habe ich leider von den Biodeals-Betreibern keine für mich befriedigenden Antworten erhalten. Übrigens besteht seit kurzem auch eine Kooperation zwischen Biodeals und Utopia.de – das ganze nennt sich dann Utopiadeals. Utopia schreibt in seiner Selbstdarstellung: „Utopia will dazu beitragen, dass Millionen Menschen ihr Konsumverhalten und ihren Lebensstil nachhaltig  verändern. Dass sie bewusster entscheiden und mit jedem Kauf umweltfreundliche Produkte und faire Arbeitsbedingungen in aller Welt unterstützen“.

Natürlich sollen tolle nachhaltige Produkte keine Nischenprodukte bleiben müssen. Ich fänd es aber auch schade, wenn nachhaltige Produkte nicht aufgrund ihrer Wertigkeit, die sich eben auch im Preis ausdrücken MUSS, gekauft werden, sondern weil sie gerade mal um 80% reduziert sind. Und danach nie wieder. Wenn Menschen sich nicht etwas kaufen, weil sie es BRAUCHEN und aufgrund der besonders tollen Eigenschaften, sondern einzig alleine aufgrund des kurzfristig günstigen Preises. Dass die Bioszene sich verändert, ist klar, das hat man auch auf der BioFach deutlich sehen können. Die verstärkte Nutzung konventioneller Marketingtools ist da wohl nur ein logischer Schritt. Aber ist das begrüßenswert?

Wie findet ihr Online-Schnäppchen-Plattformen?