Heute geht es weiter mit dem 2. Teil meiner Vegan-Serie. An dieser Stelle hatte ich vor wenigen Wochen darüber berichtet, dass ich mich seit ein paar Monaten vegan ernähre, und warum ich das eigentlich tue. Dass ich letztlich aus einer Vielzahl von Gründen auf tierische Produkte verzichte, und dies ein längerer Prozess war, versuche ich in dieser Artikelserie wiederzugeben – in der Hoffnung bei dem einen oder anderen das Interesse zu wecken, sich stärker mit dem Thema auseinander zu setzen.Ein Buch über Veganismus wird üblicherweise mit dem Thema „Ethik“ beginnen, und argumentieren, warum Tiere schon aus moralischen Gründen nicht ausgebeutet, gequält und getötet werden sollten. Selbstverständlich werde ich auch auf dieses Thema in einem weiteren Artikel eingehen, doch ich möchte euch aufzeigen, wie ICH persönlich zum Veganer wurde, euch sozusagen meine eigene vegane Geschichte erzählen.

Natürlich kann man die Themen Ethik/Tierschutz/Gesundheit/Ökologie nicht trennscharf behandeln, da alles zusammenhängt, und ich versuche hier auch keineswegs einen umfassenden und tiefgehenden Überblick – da gibt es einige Bücher, die das hinreichend tun, und die ich euch später vorstellen möchte. Nein, ich möchte mich vor allem an die unter euch richten, die vielleicht ahnen, dass ihr Konsum von Fleisch, Eiern oder Milch – oder zumindest das Ausmaß – Schaden anrichtet, und die ein paar Hinweise auf den Weg bekommen möchten. Hardcore-Veganer brauche ich ja nicht mehr überzeugen…

Bei mir persönlich fing die Entwicklung zum Veganer mit dem Verzicht auf Fleisch aus konventioneller Massentierhaltung an. Vor ca. 8 Jahren habe ich fortan nur noch Bio-Fleisch gegessen, später auch manchmal Neulandfleisch. Eier und Milch gab es bei mir auch hier und da, ebenfalls in Bio-Qualität. Ich war davon überzeugt, dass ich durch meinen Kauf von Bio-Produkten dazu beitrage, dass Tiere besser behandelt werden, und ich gleichzeitig meiner Gesundheit etwas Gutes tue. Wenn ich schon Tiere essen würde, so sollten diese nicht in übler Massentierhaltung ihr trauriges Dasein fristen, sondern zumindest halbwegs artgerecht gehalten werden. Dass auch diese Überzeugung irgendwann später bei mir stark gelitten hat, möchte ich zu einem späteren Zeitpunkt noch erläutern.

Massentierhaltung – die grausame Realität

Gehen wir doch mal in einen beliebigen Supermarkt: Der Käufer zieht in Plastik eingeschweisste Wurstscheiben aus dem Kühlregal. Auf der Packung findet er vermutlich ein hübsch gemaltes Bild von einem Bauernhof vor, sehr idyllisch geht es da offenbar zu. Auf einer Weide stehende zufriedene Tiere, hin und wieder kommt Bauer Heinz vorbei und tätschelt einer Kuh den Kopf. Schön wäre es. Doch das hat mit der Realität nichts mehr zu tun, selbst im Bio-Bereich immer seltener. Unser Fleisch kommt in Deutschland nämlich zu 98% aus Massentierhaltungsbetrieben. Würden wir sehen wie es dort zugeht, würden wohl viele auf den Griff ins Kühlregal verzichten. Aber wir sehen es nicht, denn Fleisch zu kaufen hat etwas anonymes, entfremdetes, das Produkt stellt ganz bewusst keinen Bezug zu seiner Herstellungsgeschichte her.

In der Regel können wir in dem Stück Fleisch anhand seiner Form kein Körperteil des für diesen Kauf getöteten Tieres erkennen. Oft ist das Fleisch sogar noch gefärbt damit es „schön rosa“ aussieht, weil das tatsächliche Grau nicht appetitlich daher kommt. Verkauft wird uns die Illusion von glücklichen Tieren auf einer satten Weide. Kaufen tun wir aber tatsächlich ein Stück eines für uns getöteten Tieres, das in kürzester Zeit mit billigstem, oft genmanipulierten Futter, gemästet wurde, so dass es sich vielleicht kaum auf den eigenen Beinen halten konnte, das mit Medikamenten vollgepumpt wurde, oftmals in seinem sehr kurzen Leben niemals Sonnenlicht gesehen hat, auf engstem Raum gehalten wurde, jegliches artgerechtes Verhalten abgesprochen bekam und schließlich durch einen Bolzenschuss hingerichtet wurde. Hat das Tier „Glück“, ist es gleich ausreichend betäubt, eine große Zahl (wir sprechen da von mehreren hundert tausend im Jahr in Deutschland) bekommt leider bei (vollem) Bewusstsein mit, wie ihm die Kehle aufgeschnitten wird etc. Hinzu kommen Praktiken wie das Kupieren von Schwänzen bei Schweinen, das Ablöten des halben Schnabels bei Hühnern etc. – alles ohne Betäubung und gewiss mit großen Schmerzen.

Wir sehen das alles nicht, weil diese Massenbetriebe, die rein gar nichts mehr mit einer Bauernhof-Idylle zu tun haben, für uns nicht einsehbar sind. Die Tierrechtsorganisation Peta hat ein Video mit dem Titel „Wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten, wären alle Menschen Vegetarier“ drehen lassen, dass sicher schon viele zum Verzicht auf Fleisch bewogen hat. Was wäre denn, wenn Schlachthäuser und Massentierhaltungsbetriebe tatsächlich Glaswände hätten? Marc Pierschel schreibt in seinem Buch „Vegan“ dazu: „Das Leiden und Töten bleibt im Verborgenen und tritt nur selten nach außen.[…]Die Konsument_innen sollen den wahren Hintergrund dieser Produkte weder hinterfragen noch daran erinnert werden damit sie diese auch weiterhin guten Gewissens kaufen“.

Für uns ist das Töten von Tieren zum Verzehr doch etwas sehr Abstraktes, es fällt uns schwer, die Zusammenhänge zwischen unserem Verlangen an billigem Fleisch und somit den Griff ins Kühlregal einerseits, und den grausamen Umständen, unter denen intelligente soziale Tiere gequält, ausgebeutet und getötet werden andererseits herzustellen. Aber genau dieser Zusammenhang besteht – er ist greifbar nah und simpel: Kaufe ich dieses Fleisch, wird die gleiche Menge „nachproduziert“, und ich als Käufer bin dafür verantwortlich, dass es auf die gleiche Art und Weise geschieht wie zuvor – weil ich mich nicht verweigere, dieses zu unterstützen. Wie Mahatma Gandhi sagte: „Indem wir Fleisch genießen, sind wir alle Komplizen der an Tieren verübten Grausamkeiten beim Transport, auf den Märkten und in den Schlachthäusern…“.

Nur mal ein paar statistische Zahlen, die für sich sprechen: 2010 wurden in Deutschland 8 Millionen Tonnen (8.000.000.000 KG) Fleisch „produziert. Darin enthalten z.B. 58.000.000 Schweine. Hühner werden übrigens nur noch in 1.000 Tonnen statistisch erfasst, nicht mal mehr in Stückzahlen. Nach Berechnungen des Vegetarierbundes isst ein Deutscher durchschnittlich in seinem Leben 4 Kühe und Kälber, 4 Schafe, 12 Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 46 Schweine und 945 Hühner, dazu unzählige Meerestiere.

Marc Pierschel betitelt in seinem sehr guten Einstiegsbuch „Vegan“ das 2. Kapitel, das sich mit Massentierhaltung befasst, „Was niemand wissen soll“. Das bringt es gut auf den Punkt. Fleisch-, Milch- und Eierproduzenten wollen nicht, dass wir wissen, welche Qualen Tiere ausgestanden haben, damit wir sie essen können. Gleichzeitig sind sie aber wirtschaftlich sogar zu einem gewissen Grad gezwungen, Tiere so zu behandeln, ob sie es nun moralisch vertretbar finden oder nicht, weil der Verbraucher nach günstigem Fleisch verlangt. Nur vergleichsweise wenige sind ja schließlich bereit, für Bio-Fleisch das doppelte des konventionellen Preises zu bezahlen. Und wer macht sich schon die Mühe zu einem kleinen Bauernhof rauszufahren, sich von den hoffentlich artgerechteren Bedingungen zu überzeugen – und dort sogar vermutlich noch mehr zu zahlen? Diese Art der Bauernhöfe ist natürlich aufgrund des Preisdrucks vom Aussterben bedroht.

Es ist leider so: Nur durch Massentierhaltung kann ein so niedriger Fleischpreis gewährleistet werden, und dort geht es gar nicht anders, als das Tiere wie Objekte behandelt werden um die Produktionskosten möglichst gering zu halten: „Für die Tiere stellt die Haltung in großen Zahlen auf kleinstem Raum erhebliches Leid dar. Das Tier wird von der Industrie im Sinne der Produktivität nicht als Lebewesen betrachtet, sondern vielmehr als Nahrungsmittel erzeugende Maschine. Es geht um maximale Fleisch-, Milch- und Eierproduktion für den Massenverzehr zu minimalen Kosten.“ („Vegan“, S. 19). Lebewesen werden letztlich zu bloßer Ware degradiert. Sehr pervers finde ich auch, dass in der Massentierhaltung bestimmte Körperteile, die am liebsten gegessen werden (z.B. Hühnerbrust) gezielt größer gezüchtet werden, was für die Tiere oft chronische Leiden und Schmerzen bedeutet. Hier nicht gegessene Körperteile werden sogar subventioniert nach Afrika transportiert, wo sie auf den Märkten ungekühlt verkauft werden, und gleichzeitig die lokale Viehwirtschaft zerstören, weil diese preislich nicht mit den EU-Importen konkurrieren können.

Zahlreiche Berichte und Videos von Tierschutzorganisationen, die man z.B. bei Youtube findet belegen die Zustände in den Betrieben. Wer sich die Kommentare unter den Videos durchliest, stößt auf totalen Ekel und Nichtverständnis. Zeigt man Freunden oder Bekannten solche Bilder oder Videos hört man nicht selten den Ausruf „So was müsste doch verboten werden!“. Leider hört dieses Mitgefühl für Tiere oftmals wenig später im Supermarkt wieder auf.

Klima, Umwelt, Krankheiten

Doch die Massentierhaltung hat nicht nur negative Auswirkungen auf die direkt Leidenden, sondern belastet außerdem Umwelt und Klima, und verbraucht wahnsinnig viele Ressourcen. Hierzu gibt es eine ganze Reihe an Studien, unbestritten ist aber durchweg der extrem hohe Anteil an der gesamten klimaschädlichen Emissionen. Stärker noch als der gesamte Verkehr der Welt soll das Klima durch Tierhaltung belastet werden, ja die Tierhaltung ist gar Klimakiller Nr.1. Weiterhin braucht die Massentierhaltung riesige Flächen, weltweit werden 30% der Landfläche bzw. 78% der der landwirtschaftlichen Flächen dafür genutzt. 36% der weltweiten Getreideernte und 80% der Sojabohnenernte aus riesigen, zumeist genmanipulierten Monokulturen, dienen der Verfütterung an Nutztiere, für die Anbaufläche werden großflächig Ökosysteme wie Regenwälder zerstört. Große Mengen an Gülle und Mist werden auf Felder aufgebracht und sind für erhebliche Umweltschäden verantwortlich. Und: Viele teilweise weltweit grasierenden Seuchen sind den schlimmen hygienischen Zuständen der Massentierhaltung geschuldet, da war doch gerade eben noch etwas…

Gutes Gewissen vs. Gewissheit

Was bleibt ist bei vielen Menschen ein diffuses Gefühl beim Verzehr von Fleisch. Man ahnt vielleicht, dass da was „im argen“ sein könnte, mag sich aber zur Beruhigung des eigenen Gewissens nicht näher damit beschäftigen. So kann man zwar sein Gewissen austricksen, ändern tut man damit aber leider nichts. „Ich möchte so etwas nicht sehen“ oder „ich möchte das gar nicht wissen“ ist zwar zu einem gewissen Grad menschlich nachvollziehbar – weil die Realität wirklich grausam ist – aber auch unverständlich und schade. Denn leider besteht ein direkter Zusammenhang zwischen meinem Konsum und der Fleischproduktion. Ich ganz persönlich entscheide an der Ladentheke letztlich mit darüber, ob Tiere leiden müssen oder nicht. Und: Wegschauen hat in der Geschichte der Menschheit (und eben auch Tierwelt) schon zu viel Leid geführt. Es ist unbequem, aber es wäre wünschenswert, wenn sich mehr Menschen damit beschäftigen, was sie da aus dem Regal ziehen. Ich glaube auch, dass dieses Verdrängungsmechanismus nur teilweise mit Bildung oder Intelligenz zu tun hat. Ich kenne viele Menschen, die sich auf hohem Niveau mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen und trotzdem Aldi-Wurst kaufen.

Der bekannteste Tierrechtsfilm, der sicherlich schon für viele Tränen gesorgt und deshalb viele Tiere gerettet hat, ist „Earthlings“, eine Dokumentation über Fleischkonsum und seine Folgen aus dem Jahre 2005. Auch mich hat der Film tief beeindruckt, und war einer der Auslöser für meine Entscheidung zum Veganismus. Aber Vorsicht, der Film ist nichts für zarte Gemüter – und doch nur die Realität. Als Bucheinstieg in das Thema Tierhaltung empfehle ich noch einmal Jonathan Safran Foers „Tiere essen“, gerade weil es wenig sensationslüstern, sondern sehr sachlich und gut geschrieben ist. Außerdem das hier mehrfach zitierte „Vegan!“ von Marc Pierschel, dass ich für einen sehr guten Einstieg in das Thema Veganismus halte. Wer nicht gleich so umfangreich in die Literatur einsteigen möchte, dem sei das kostenlos zu bestellende Vegetarische Starter Kit von Peta empfohlen, dem auch eine DVD mit dem von Paul McCartney moderierte Schlachthäuser mit Glaswänden-Video beiliegt. Einen sanfteren Einstieg bietet die Online-Serie Nessi wird vegan.

Zum Schluss dieses Artikels zurück zu meiner Geschichte. Ich hatte also aufgehört, konventionelles Fleisch aus Massentierhaltung zu essen, zugunsten von Bio-Fleisch. Ich aß weniger Fleisch, nicht nur weil es in Bioqualität empfindlich teurer ist, sondern auch weil ich immer mehr gesunde Alternativen fand. Milch und Eier hingegen hielt ich für unbedenklich.

Warum meine Annahme, Bio-Fleisch sei besser, nur teilweise richtig ist, und warum ich heute auch keine Milch- oder Eierprodukte mehr esse, möchte ich im nächsten, bald folgenden Artikel berichten. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit bis hierhin. Hier geht es zum ersten Teil übrigens.